Das geistliche Wort

Gastbeitrag

P.Dominik

 

 

 

 

Pater Dominik Höfer,
Gemeinschaft Servi Jesu et Mariae (SJM) 


Kann Gott denn etwas bereuen?

Jedes Jahr zu Aschermittwoch hören wir den Aufruf zur Umkehr und Besserung unseres Lebens mit den uralten Worten des Propheten Joel:
„So spricht der Herr:  Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um
zum Herrn, eurem Got
t! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte, und es reut ihn, dass er das Unheil verhängt hat.
Vielleicht kehrt er um und es reut ihn, und er lässt Segen zurück, so dass ihr Speise- und Trankopfer darbringen könnt für den Herrn, euren Gott“

(Joel 2,12-14).

Selbst wenn wir annehmen, dass die Theologie des Propheten Joel (einer der zwölf „kleinen“ Propheten des Alten Testaments, wohl im 9. Jh. vor Chr.)
noch nicht ganz ausgereift erscheint oder dass sie volkstümliche Wendungen aufgreift, die „nicht auf der Höhe“ der großen Propheten Jesaja, Jeremia,
oder Ezechiel stehen (so etwa meint die Taschenausgabe des Messbuches, der Schott, in seiner Erklärung zur 1. Lesung des Aschermittwochs),
fragen wir uns zu Recht, wie das zu vereinbaren ist mit der Lehre von der Unveränderlichkeit Gottes, die der Vernunft entspricht und biblisch gut bezeugt ist,
z. B. in

Mal 3,6:            â€žIch, der Herr, ändere mich nicht…“

Num 23,19:       „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut.
                          Spricht er etwas und tut es dann nicht, sagt er etwas und hält es dann nicht?“

Jak 1,17:           „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab,
                           vom Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch eines Wechsels Schatten.“
 

Genau genommen müssen wir also erstens klären, inwiefern die Heilige Schrift sich bei der Unwandelbarkeit Gottes nicht widerspricht, und zweitens,
was die sonderbare Stelle beim Propheten Joel dann bedeutet.

Gottes Wesen ist selbstverständlich unveränderlich. Auch sein Wille ist unabänderlich. Deshalb sagen wir, Gott ist treu. Er bindet sich freiwillig an seine
Verheißungen. Gott wird also nichts tun, womit er gegen seine Gerechtigkeit oder gegen seine Liebe handeln könnte. Das hat Gott uns in der Hl. Schrift
geoffenbart, wie die obigen Beispiele aufzeigen. Gottes Wille ist absolut.

Das schließt jedoch nicht aus, dass Gott sich um seine Geschöpfe sorgt und kümmert. Im Gegenteil: weil er sie liebt, „reagiert er“ sozusagen auf ihr freies
Verhalten
.
Den Gerechten will Gott im Guten erhalten und noch wachsen lassen, beim Sünder zielt Gottes Wille auf dessen Umkehr und Besserung.
Dieser göttliche Wille im Einzelfall sieht also je nach Mensch recht verschieden aus. Das liegt aber allein an der Veränderlichkeit des Menschen, an der
Unwandelbarkeit Gottes ändert sich dadurch nichts.

Wie Num 23,19 (siehe oben) bestätigt, gibt es bei Gott also keine Reue im Sinne von Wankelmütigkeit, Abhängigkeit von Lust oder Unlust usw., wie es
für uns Menschen - selbst wenn wir das Gute wollen - charakteristisch ist:
Wir entscheiden uns z.B., alle Mühe auf uns zu nehmen, um einem Menschen in Not zu helfen, und ein paar Tage später, wenn wir mitten im Alltag,
in Sorgen, Gefühlen und Zweifeln stecken, handeln wir nicht im geringsten danach und „bereuen“, was wir vorschnell versprochen haben.
Genau diese Wankelmütigkeit besitzt Gott nicht. Wenn er etwas Positives ankündigt oder verspricht, dann tut er es auch. Darauf können wir uns verlassen.
Das gilt für alle Verheißungen, die er uns gegeben hat. Gottes Nicht-Reue ist also eine wichtige Basis für unseren Glauben.

Merkwürdigerweise gilt nicht das Umgekehrte: Wenn Gott Negatives, z.B. ein Gericht über ein Volk, ankündigt, ist es gerade nicht unausweichlich!
Die Umkehr der Betreffenden kann das Gericht Gottes abwenden, wie das Buch Jona anschaulich schildert. Näher betrachtet ist das logisch:
Denn Gottes Gerichtsurteil gründet sich auf die momentane Lage der Betreffenden gegenüber Gott, und im Moment der Urteilsverkündung sind sie schuldig:
Sie wollen nicht umkehren und wollen von Gott nichts wissen. Wenn sich jedoch die Grundlage für das Gerichtsurteil, nämlich diese Unbußfertigkeit, ändert,
weil die Menschen ihre Gesinnung ändern, ist das Urteil logischerweise hinfällig, und Gott gewährt Gnade. Gottes Urteil ist nur dann endgültig, wenn es die
Ablehnung des Menschen auch ist. Gottes grundsätzlicher Heilswille ändert sich dadurch nicht.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Ein Mann und eine Frau sind glücklich verheiratet. Nun begeht der Mann leider Ehebruch. Die Frau wird selbstverständlich
unglücklich darüber sein, auch wenn sie ihren Mann weiterhin liebt. Sie will nach dem Ehebruch ihres Gatten, dass er bereut und umkehrt (was sie vorher
logischerweise nicht wollte). Hat sich der Wille der Frau in Bezug auf ihren Mann nun im Wesen geändert? Nein, denn sie liebt ihn grundsätzlich genauso
wie zuvor. Dass sie aber jetzt etwas anderes für ihren Mann will, ist allein die Folge dessen, was ihr Mann getan hat.
Es bestätigt zugleich die unveränderliche Meinung der Frau, dass Untreue falsch ist.

Damit ist der Sinn der Joelstelle schon klar geworden. Gott kann nicht bereuen wie der Mensch. Die vom Propheten so genannte „Reue“ bezieht sich auf die
zu erwartende „Reaktion“ Gottes, die ganz vom menschlichen Verhalten abhängt. (Hier beim sündigen Menschen wäre das Wort Reue im eigentlichen Sinn
angebracht.) Das aber kann der Prophet nicht voraussehen.  Er setzt keinen Zweifel in Gottes unendliche Barmherzigkeit, sondern drückt zugleich mit der Hoffnung
den Wunsch der Erhörung aus.
Dennoch weiß Joel auch, dass es keinen Heils-Automatismus gibt: Die Erhörung steht bei Gott allein. Auch der bekehrte Sünder hat keinen Rechtsanspruch
auf Gnade, er darf nur hoffen und bitten. Es ist ähnlich wie im Beispiel des Mannes, der nach dem Ehebruch tatsächlich reumütig zu seiner Gattin zurückkehrt.
Er kann hoffen und bitten, dass seine Frau ihm verzeiht. Wenn sie ihn wirklich liebt, wird sie ihm verzeihen. Aber es automatisch zu erwarten, würde sich doch
verbieten.

Als Schlussfolgerung können wir festhalten: Gott entscheidet sich frei zur Liebe und zur Treue; sein Wille ist absolut und kann deshalb nicht irren.
Wenn Gott angekündigte Taten nicht ausführt - und hierbei handelt es sich ausschließlich um Gerichtshandlungen -, dann deshalb, weil er auf die Buße reagiert.
Das ist keine Sinneswandlung, sondern Gottes Bindung an sein Versprechen, demjenigen Gnade zu gewähren, der von Herzen umkehrt.
Eine tröstliche Botschaft für jeden von uns.

Denn wir bedürfen stets neu der Umkehr auf Gott hin.

Zum Nachdenken 

  Gedanken zum Jahresanfang  


Wieder hat ein neues Jahr begonnen. Noch unbeschrieben liegt es vor uns. Was wird es bringen? Die weltliche und auch kirchliche Situation 
sieht derzeit an manchen Stellen nicht so verheißungsvoll aus.

Und trotz allem sollen wir Christen ja Menschen der Hoffnung sein: Der Situation, in der wir stehen, nüchtern und sachlich ins Auge sehen,
eine klare Entscheidung für unseren Lebensweg mit Gott treffen, und dann ganz im Vertrauen auf unseren Herrn und mit unserer heiligen Mutter,
der Kirche, den Weg im Alltag gehen, da, wo Gott uns hingestellt hat.
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Jemand, der uns dies in vorbildlicher Weise vorgelebt hat, ist  Pater Alfred Delp SJ (1907- 1945 ) 
Auch wenn die Zeit, in der er gelebt hat, so ganz anders gewesen zu sein scheint, beim Hören seiner Worte kommt es einem vor, als ob sie auch
in und für unsere Zeit geschrieben wären. Lassen wir uns von diesen Gedanken zum neuen Jahr ergreifen und ermutigen.

  Neujahr ( 1.1.1943)  

Als heute Nacht die Zeiger auf die zwölfte Stunde rückten, als die Uhren ausholten zum letzten Schlag des alten Jahres und zum ersten Schlag des
neuen Jahres, da war vieles so, wie es immer war: ein Jahr zerrann und ein Jahr begann.
Da war aber auch so vieles ganz anders; unsere Glückwünsche waren ernster und schweigsamer, unsere Herzen mussten einen weiten Weg wandern,
bis sie die Menschen fanden, denen wir Gutes wünschen wollten, den weiten Weg der Grenzen Europas entlang und darüber hinaus an die Stätten des
soldatischen Dienstes, an die Stätten des grausamsten Kampfes, der wohl je ausgefochten wurde.Und viele Herzen mussten noch viel weiter wandern,
um  dort oben bei Gott den Menschen, die sie lieb hatten, einen Gruß sagen und ein Gutes wünschen zu können.
Es war so vieles anders als sonst. Ernster und schweigsamer und gefasster als sonst haben wir das neue Jahr betreten. (…).

Dieses Jahr wird ein des Schicksals sein, ein Jahr der Wende. Möge es ein Jahr des Heiles sein!

Über diesem ersten Tag des neuen Jahres steht von der Messe her der Satz des Evangeliums : Es ward ihm der Name Jesus gegeben.
Es ward der Name damals nicht dem kleinen Gottessohn gegeben - der Herr ist und bleibt die Fülle der Zeit, das Herz der Geschichte, die Mitte des
Menschengeschlechts, wirklich die Sinnmitte des Daseins - es bekam die Welt ihren letzten Namen, und dieser Name sollte der Name des Heiles sein.
Und das ist deswegen die schlichte und entscheidende Überlegung, die man am Anfang dieses Jahres anstellen muss: 
Trägt diese Zeit den Namen des Herrn und damit den Namen des Heils? Warum trägt sie ihn nicht ? Und wie soll sie ihn wieder tragen? (...)

Und da wollen wir ehrlich bleiben und nicht am Anfang des Jahres den Blick schon verschleiern mit falschen Tröstlichkeiten und Verwischungen.
Steht unsere Zeit im Herrentum Gottes oder hat sie ein eigenes Herrentum gefunden?
Ist die erste Frage, die gestellt wurde, eben die, wo steht der Wille des Herrn und das Gesetz des Herrn und die Antwort und Ordnung des Herrn, oder wird
diese Frage gar nicht mehr gestellt? Denken nicht viele Menschen den gefährlichen Traum vom eigenen Herrrentum der Menschengruppen, des eigenen
Herrenrechts des Blutes und des Geistes, des so gearteten Geistes? Denken nicht viele den gefährlichen Gedanken, dass Recht und Ordnung und Gesetz
nicht das Siegel des absoluten Gottes brauchen, wenn sie nur das Stigma des Erfolges tragen, wenn sie Krämervorteil haben, wenn sie Nutzen bringen,
dass also das Leben von daher gemessen und geordnet wird. Das letzte Siegel, das letzte Maß, die letzte Norm sind ihnen längst am Horizont verschwunden.
Steht unsere Zeit im Erlösertum des Herrn? Weiß sie noch von der abgrundtiefen Verlorenheit, in die Menschen hineinstürzen können und aus der nur
der Name Gottes den Menschen herausführt? (...)

Wenn eine  Welt nicht mehr weiß, dass sie aus dem Erlösertum des Herrn, aus der Gnade des Herrn lebt, wird sie gnadenlos und unbarmherzig.(...)

Diese Fragen stellen, heißt sie auch beantworten, klar und leidenschaftslos und sachlich und nüchtern. Weite Kreise unseres Volkes und entscheidende
Gedanken unseres Volkes stehen nicht unter dem Herrentum des Herrn und wissen nichts mehr vom Erlösertum des Herrn und wandern und leben nicht
mehr in diese Ausrichtung auf den Herrn.
Und das bringt uns so zum Zittern und reißt uns in die schauervolle innere Verantwortung hinein,wenn wir noch eine Ahnung haben, dass der einzelne nicht
da ist, um ein bisschen Seligkeit für sich zusammenzuraffen - er wird sie nämlich verlieren - sondern dass er dafür da ist, an solchen Tagen zu bedenken,
wie kann ich schützend, segnend und wirkend vor dem Ganzen stehen und dieses Jahr der Wende zu Heil und Segen hin machen.

Da bleibt nichts anderes übrig, als genau so sachlich und nüchtern und entschlossen, wie die Tatsache dasteht, dass diesem Geschlecht nicht der Name
Jesus gegeben ist, dranzugehen, dass dem kommenden Jahr dieser Name gegeben werde, daß ein Jahr des Heiles gemacht werde und deswegen
entschlossen Hand daran legt, dieses Jahr unter das Gesetz des Herrentum Gottes zu stellen; dass man sich selber klar und eindeutig zurückruft aus
allen Erweichungen und allen
Verharmlosungen und allen Kompromissen unter das ordnende Gesetz des Herrn und dass so die aufrechten und
entschlossenen Herzen wirklich zu einem Rhythmus, zu einem Schlag sich vereinigen, der innerlich das Leben dieser Zeit und dieses Volkes anrührt und
es zurückruft (...).

Das kommende Jahr wird mehr als andere Jahre von uns verlangen den klaren Entschluss und das klare Wort und die saubere Tat und Entscheidung.
Die Dinge sind so hart geworden und stoßen so aufeinander, es gibt gar keine Verkitschung mehr und keine Verharmlosung mehr, es gibt kein Schweigen
mehr und kein Zurücktreten mehr und kein Sichverstecken mehr.

Es ist ein Jahr der Apokalypse, ein Jahr der Enthüllung, das die Dinge zeigen wird , wie sie sind. (...)

Möge es uns enthüllen als Menschen, die mit ihrem Herzblut daran gearbeitet haben, dass dieses Jahr der Wende zu einem Jahr des Heiles werde, dass
über ihm geschrieben sei der heiligste Name Jesus, der Name des herrscherlichen Gottes und des erbarmenden Gottes und Gottes als Mitte und Ordnung
und Heimat allen Lebens.

Aus: Alfred Delp, Fest der Menschenfreundlichkeit Gottes. Hrsg: Roman Bleistein

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