Zum Nachdenken 

  Gedanken zum Jahresanfang  


Wieder hat ein neues Jahr begonnen. Noch unbeschrieben liegt es vor uns. Was wird es bringen? Die weltliche und auch kirchliche Situation 
sieht derzeit an manchen Stellen nicht so verheißungsvoll aus.

Und trotz allem sollen wir Christen ja Menschen der Hoffnung sein: Der Situation, in der wir stehen, nüchtern und sachlich ins Auge sehen,
eine klare Entscheidung für unseren Lebensweg mit Gott treffen, und dann ganz im Vertrauen auf unseren Herrn und mit unserer heiligen Mutter,
der Kirche, den Weg im Alltag gehen, da, wo Gott uns hingestellt hat.
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Jemand, der uns dies in vorbildlicher Weise vorgelebt hat, ist  Pater Alfred Delp SJ (1907- 1945 ) 
Auch wenn die Zeit, in der er gelebt hat, so ganz anders gewesen zu sein scheint, beim Hören seiner Worte kommt es einem vor, als ob sie auch
in und für unsere Zeit geschrieben wären. Lassen wir uns von diesen Gedanken zum neuen Jahr ergreifen und ermutigen.

  Neujahr ( 1.1.1943)  

Als heute Nacht die Zeiger auf die zwölfte Stunde rückten, als die Uhren ausholten zum letzten Schlag des alten Jahres und zum ersten Schlag des
neuen Jahres, da war vieles so, wie es immer war: ein Jahr zerrann und ein Jahr begann.
Da war aber auch so vieles ganz anders; unsere Glückwünsche waren ernster und schweigsamer, unsere Herzen mussten einen weiten Weg wandern,
bis sie die Menschen fanden, denen wir Gutes wünschen wollten, den weiten Weg der Grenzen Europas entlang und darüber hinaus an die Stätten des
soldatischen Dienstes, an die Stätten des grausamsten Kampfes, der wohl je ausgefochten wurde.Und viele Herzen mussten noch viel weiter wandern,
um  dort oben bei Gott den Menschen, die sie lieb hatten, einen Gruß sagen und ein Gutes wünschen zu können.
Es war so vieles anders als sonst. Ernster und schweigsamer und gefasster als sonst haben wir das neue Jahr betreten. (…).

Dieses Jahr wird ein des Schicksals sein, ein Jahr der Wende. Möge es ein Jahr des Heiles sein!

Über diesem ersten Tag des neuen Jahres steht von der Messe her der Satz des Evangeliums : Es ward ihm der Name Jesus gegeben.
Es ward der Name damals nicht dem kleinen Gottessohn gegeben - der Herr ist und bleibt die Fülle der Zeit, das Herz der Geschichte, die Mitte des
Menschengeschlechts, wirklich die Sinnmitte des Daseins - es bekam die Welt ihren letzten Namen, und dieser Name sollte der Name des Heiles sein.
Und das ist deswegen die schlichte und entscheidende Überlegung, die man am Anfang dieses Jahres anstellen muss: 
Trägt diese Zeit den Namen des Herrn und damit den Namen des Heils? Warum trägt sie ihn nicht ? Und wie soll sie ihn wieder tragen? (...)

Und da wollen wir ehrlich bleiben und nicht am Anfang des Jahres den Blick schon verschleiern mit falschen Tröstlichkeiten und Verwischungen.
Steht unsere Zeit im Herrentum Gottes oder hat sie ein eigenes Herrentum gefunden?
Ist die erste Frage, die gestellt wurde, eben die, wo steht der Wille des Herrn und das Gesetz des Herrn und die Antwort und Ordnung des Herrn, oder wird
diese Frage gar nicht mehr gestellt? Denken nicht viele Menschen den gefährlichen Traum vom eigenen Herrrentum der Menschengruppen, des eigenen
Herrenrechts des Blutes und des Geistes, des so gearteten Geistes? Denken nicht viele den gefährlichen Gedanken, dass Recht und Ordnung und Gesetz
nicht das Siegel des absoluten Gottes brauchen, wenn sie nur das Stigma des Erfolges tragen, wenn sie Krämervorteil haben, wenn sie Nutzen bringen,
dass also das Leben von daher gemessen und geordnet wird. Das letzte Siegel, das letzte Maß, die letzte Norm sind ihnen längst am Horizont verschwunden.
Steht unsere Zeit im Erlösertum des Herrn? Weiß sie noch von der abgrundtiefen Verlorenheit, in die Menschen hineinstürzen können und aus der nur
der Name Gottes den Menschen herausführt? (...)

Wenn eine  Welt nicht mehr weiß, dass sie aus dem Erlösertum des Herrn, aus der Gnade des Herrn lebt, wird sie gnadenlos und unbarmherzig.(...)

Diese Fragen stellen, heißt sie auch beantworten, klar und leidenschaftslos und sachlich und nüchtern. Weite Kreise unseres Volkes und entscheidende
Gedanken unseres Volkes stehen nicht unter dem Herrentum des Herrn und wissen nichts mehr vom Erlösertum des Herrn und wandern und leben nicht
mehr in diese Ausrichtung auf den Herrn.
Und das bringt uns so zum Zittern und reißt uns in die schauervolle innere Verantwortung hinein,wenn wir noch eine Ahnung haben, dass der einzelne nicht
da ist, um ein bisschen Seligkeit für sich zusammenzuraffen - er wird sie nämlich verlieren - sondern dass er dafür da ist, an solchen Tagen zu bedenken,
wie kann ich schützend, segnend und wirkend vor dem Ganzen stehen und dieses Jahr der Wende zu Heil und Segen hin machen.

Da bleibt nichts anderes übrig, als genau so sachlich und nüchtern und entschlossen, wie die Tatsache dasteht, dass diesem Geschlecht nicht der Name
Jesus gegeben ist, dranzugehen, dass dem kommenden Jahr dieser Name gegeben werde, daß ein Jahr des Heiles gemacht werde und deswegen
entschlossen Hand daran legt, dieses Jahr unter das Gesetz des Herrentum Gottes zu stellen; dass man sich selber klar und eindeutig zurückruft aus
allen Erweichungen und allen
Verharmlosungen und allen Kompromissen unter das ordnende Gesetz des Herrn und dass so die aufrechten und
entschlossenen Herzen wirklich zu einem Rhythmus, zu einem Schlag sich vereinigen, der innerlich das Leben dieser Zeit und dieses Volkes anrührt und
es zurückruft (...).

Das kommende Jahr wird mehr als andere Jahre von uns verlangen den klaren Entschluss und das klare Wort und die saubere Tat und Entscheidung.
Die Dinge sind so hart geworden und stoßen so aufeinander, es gibt gar keine Verkitschung mehr und keine Verharmlosung mehr, es gibt kein Schweigen
mehr und kein Zurücktreten mehr und kein Sichverstecken mehr.

Es ist ein Jahr der Apokalypse, ein Jahr der Enthüllung, das die Dinge zeigen wird , wie sie sind. (...)

Möge es uns enthüllen als Menschen, die mit ihrem Herzblut daran gearbeitet haben, dass dieses Jahr der Wende zu einem Jahr des Heiles werde, dass
über ihm geschrieben sei der heiligste Name Jesus, der Name des herrscherlichen Gottes und des erbarmenden Gottes und Gottes als Mitte und Ordnung
und Heimat allen Lebens.

Aus: Alfred Delp, Fest der Menschenfreundlichkeit Gottes. Hrsg: Roman Bleistein

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