
Zum Nachdenken
Die Auferstehung des Herrn zwingt zur Entscheidung
Predigt von Bischof Dr. Rudolf Graber beim Pontifikalamt im Dom am Ostersonntag – 11. April 1971
Wenn es wahr ist, dass das Evangelium nicht bloß für die Menschen des 1. Jahrhunderts geschrieben wurde, sondern auch für die des 20. Jahrhunderts, wenn es wahr ist, dass es die Menschen zur Konfrontation, zur Stellungnahme zwingt, dann ergibt sich die Frage, wo wir am Ostermorgen stehen, in welchen Personen oder Personengruppen wir uns wiederfinden. So wird unsere Besinnung im Grunde ein Fragen sein, und jeder von uns wird sich bemühen müssen, selber die Antwort zu geben.
Zunächst müssen wir feststellen, dass die Auferstehung Jesu auf eine fast totale Ablehnung stieß. Da waren zunächst die einflussreichen Kreise der Sadduzäer, „die behaupteten, es gebe keine Auferstehung“ (Mt 22,23; Apg 23, 6). Als Paulus sich vor dem Hohen Rat verantworten sollte, benützte er in geschickter Weise den Zwiespalt zwischen den Pharisäern und Sadduzäern, in dem er das Kernproblem anpackte: „Wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht“ (Apg 23, 6). Und sogleich kam es zum Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern, der Paulus zugute kam. Vorher schon hatte er in Athen schlechte Erfahrungen gemacht mit den Leugnern der Auferstehung. Als er in seiner Areopagrede auf den entscheidenden Höhepunkt zu sprechen kam, die Auferstehung Christi, „da spotteten die einen, die anderen aber sagten:“ – und wir spüren den mitleidigen Unterton heraus – „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (Apg 17, 32). Und das war damals sicher auch die Einstellung vieler in Jerusalem. Im Biblisch-Historischen Handwörterbuch heißt es von den Sadduzäern: „Sehr oft scheint Sadduzäer Synonym für Freigeist oder sogar Ungläubiger zu sein.“ (Göttingen 1966 co. 1640) Sind diese Sadduzäer ausgestorben? Ich glaube, es sind ihrer heute viele. Gehören wir vielleicht sogar zu ihnen? Wer die Auferstehung überhaupt in Abrede stellt, leugnet erst recht die Auferstehung eines einzelnen, also auch die Auferstehung Jesu.
Etwas anders gestaltet sich die Sache bei den Hohenpriestern und den Ältesten. Sie glaubten an eine Auferstehung von den Toten, zum mindesten am Ende der Tage. Aber dieser da, dieser Jesus, durfte um nichts in der Welt auferstehen. Er musste tot bleiben als Geächteter und Verfemter. Und so geben sie den Soldaten Geld, damit sie mit einer faustdicken Lüge aufwarten: Während wir schliefen, sind seine Jünger nachts gekommen und haben den Leichnam gestohlen (Mt 28, 13 f.). Immer wird es Menschen geben, die erklären: Wir glauben nicht an Wunder, weil es keine geben darf. Und immer wird es Menschen geben, die um der Beförderung und des Geldes Willen ihre Überzeugung verleugnen und das nachsagen, was man ihnen vormacht.
Nicht viel anders verläuft die Angelegenheit bei den Jüngern des Herrn. Einer mutet uns völlig modern an. Für ihn gilt nur das Experiment: „Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite lege, werde ich nicht glauben“ (Joh 20, 25). Dieser Thomas hat viele Nachfolger. Sie möchten die Geheimnisse des Glaubens am liebsten nach mathematisch-physikalischen Gesetzen zergliedern und merken nicht, dass es sich hier um zwei verschiedene Ebenen handelt, die miteinander nicht vergleichbar sind. Aber was das Große ist, Christus stellt sich dem Experiment: „Lege deinen Finger hierher und sieh meine Hände, reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh 20, 27).
Zwei aus dem Jüngerkreis verkörpern jene Masse der Menschen, denen die übersinnlichen Dinge ziemlich gleichgültig sind. Sie waren am Morgen des Ostertages erschreckt worden durch die Botschaft der Frauen, dass der Gekreuzigte lebe. Aber weil man ihn nicht sah, machten sie sich auf und gingen seelenruhig nach Emmaus. Hätten sie nicht doch warten sollen, bis sich alles geklärt hatte? Es handelte sich doch – weiß Gott – um keine Bagatelle, sondern um etwas von größter Bedeutung und Wichtigkeit. Gibt es nicht auch heute viele, sehr viele, die mit dem Übernatürlichen in lose Berührung kommen, die es aber nicht für der Mühe wert finden, weiterzusuchen, weiterzuforschen, um den Dingen auf den Grund zu gehen? Oberflächlichkeit!
Wundern wir uns da noch, dass die Botschaft der Engel, die die Frauen zu den Elfen brachten, von diesen als leeres, törichtes Gerede (Lk 24, 11) abgetan wurde? „Und sie glaubten ihnen nicht“, heißt es bei Lukas. Aber in den Elfen war etwas, was bei all den anderen nicht vorhanden war. Es war die Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen, wenn die Gründe stark genug waren. Und diese Gründe waren verschiedenartig: Für Johannes waren es die Umstände in der Grabkammer, das sorgfältig zusammengelegte Schweißtuch – bei einem Leichenraub oder auch nur bei einer sonstigen Entfernung des Leichnams hätte man sich nicht diese Mühe gemacht – und so glaubte er (Joh 20, 8); bei Magdalena war es der vertraute Klang seiner Stimme, mit der er ihren Namen aussprach (Joh 20, 16); bei den anderen war es dies, dass er mit ihnen redete, dass er – in Emmaus – das Brot brach, dass er – im Saal zu Jerusalem – ein Stück gebratenen Fisches vor ihren Augen aß. Was hätte er noch mehr tun sollen, um die Seinen von seiner Auferstehung zu überzeugen? Wir bemühen uns die verschiedenen Erscheinungen des Auferstandenen genau zu registrieren und kommen meistens auf elf bis zwölf. Wir bedenken aber vielleicht zu wenig, dass Lukas ausdrücklich von vielen Beweisen spricht, „da er 40 Tage hindurch ihnen erschien und von den Dingen des Gottesreiches redete“.
Und hier geschieht nun das Eigentümliche. Als die Seinen sich durchgerungen hatten zum Glauben an seine Auferstehung, da fällt es wie Schuppen von ihren Augen. Der Sinn für das Verständnis der Schrift erschließt sich ihnen: „Denn so steht geschrieben: der Messias muss leiden und am dritten Tage von den Toten auferstehen“ (Lk 24, 45). Und das alles gibt ihnen die Kraft, nun vor Juden und Heiden hinzutreten und zu bekennen: Gott hat ihn auferweckt (Apg 2, 24); dafür sind wir Zeugen (ebd 3, 15). Und diese Botschaft ist auch zu uns gekommen – ja noch mehr: In Taufe und Eucharistie werden wir in die Auferstehung Jesu hineingenommen, so dass auch wir in einem neuen Leben wandeln. Lassen wir uns also nicht irremachen von den modernen Sadduzäern, die an keine Auferstehung glauben, von den Ältesten und Hohenpriestern, die ihn für immer ins Grab bannen möchten, von jenen, die um Geld ihre Überzeugung verkaufen, von den ewig Gleichgültigen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen, von den ewig Zweifelnden, denen kein Argument genügt. Wir glauben an den Auferstandenen, der auch seiner Kirche immer wieder ein neues Ostern schenkt bis zu dem Tag, wo mit seiner Wiederkunft das ewige Ostern anbricht.