Zum Nachdenken

Fatima – Mahnung und Warnung

Predigt von Bischof Dr. Rudolf Graber bei der Marienfeier in der Basilika von Werl am 16. September 1972
(aktueller denn je in unseren Tagen)

Im 33. Kapitel des Buches Ezechiel spricht Gott: „Wenn ich über ein Land das Schwert bringe und es nehmen sich die Bewohner des Landes aus ihrer Gesamtheit einen Mann und bestellen ihn zum Wächter und er sieht über das Land das Schwert kommen und er stößt in die Posaune und warnt das Volk und es hört einer den Schall der Trompete, läßt sich aber nicht warnen, so daß das Schwert kommt und ihn hinwegrafft, so kommt dessen Blut auf sein Haupt. Den Schall der Trompete hat er gehört, hat sich aber nicht warnen lassen; sein Blut kommt auf ihn. Jener aber (der Wächter) hat gewarnt, und seine Seele ist gerettet. Wenn aber der Wächter das Schwert kommen sieht und stößt nicht in die Trompete und das Volk wird nicht gewarnt und das Schwert kommt und rafft einen hinweg, so wird er infolge seiner Schuld hinweggerafft; sein Blut aber fordere ich aus der Hand des Wächters.“

Ihr habt sicherlich sofort erkannt, warum wir diesen tiefernsten Text des Propheten unserer Predigt voranstellten. Das Barometer in Kirche und Welt zeigt auf Sturm. An dieser Stelle müssen wir uns gegen einen Einwand zur Wehr setzen. Man wirft uns Pessimismus vor, der sich nicht verträgt mit der göttlichen Tugend der Hoffnung. Zunächst einmal: Wenn die Beurteilung der Zeitlage wirklich Pessimismus ist, dann stehen wir nicht allein. Der ermordete Präsident Kennedy hat schon am 25. September 1961 vor der UNO folgendes gesagt: „Heute muß jeder Bewohner unseres Planeten auf den Tag gefaßt sein, da dieser nicht mehr bewohnbar ist. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind lebt unter einem nuklearen Damoklesschwert, das am dünnsten aller Fäden hängt, der jeden Augenblick durch einen Zufall, eine Fehlkalkulation oder Wahnsinnstat zerschnitten werden kann.“

1961 erschien das Buch des Atomphysikers Bernhard Philberth „Christliche Prophetie und Nuklearenergie“. Auch er gehört zu jenen Warnern, von denen Ezechiel spricht. Sein Werk, das nun in 7. Auflage erschienen ist, gipfelt in dem Satz: „Die Nuklearenergie … stellt das Ende alarmierend in den unmittelbaren Bereich des Möglichen.“ Das größte Aufsehen jedoch in dieser Hinsicht erregte die Rede, die Eugène Ionesco bei der Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele gehalten hat und die die „Salzburger Nachrichten“ unter der Überschrift brachten: „Das Ereignis: Die endlich gehaltene Rede.“ Diese Rede erschütterte so sehr, daß das Orchester eine Programmänderung erbat und ein anderes Musikstück zum Vortrag brachte. Was aber war nun der Inhalt dieses aufregenden Vortrags? In einigen Sätzen zusammengefaßt: „Es herrscht das Inferno – alles ist fraglich geworden – jegliche Katastrophe kann schon morgen eintreffen – eine kosmische Katastrophe bedroht uns.“ Wir stehen also wirklich nicht allein mit unserer Meinung.

Eines freilich verstehe ich nicht. Die „Salzburger Nachrichten“ schreiben von dieser Rede, daß sie „verdient, gelesen und wieder gelesen zu werden“.

Gut. Vor 55 Jahren bereits hat Maria in Fatima auch eine Warnung ausgesprochen. Es war am 13. Juli 1917 bei ihrer dritten Erscheinung, wo sie sagte: „Wenn man meine Forderungen beachtet, wird Rußland sich bekehren und man wird Frieden haben; wenn man das aber nicht tut, dann wird es seine Irrtümer über die ganze Welt verbreiten und Kriege entfesseln, viele der Guten werden das Martyrium erleiden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, und verschiedene Nationen werden vernichtet werden.“ Das ist eine Warnung, wie sie deutlicher nicht sein kann. Müßte sie nicht auch immer wieder gelesen werden? 55 Jahre kennt man sie – oder doch nicht? Dieser Tage erhielt ich einen Brief, vom 6. September datiert. Eine Frau aus dem Ruhrgebiet schreibt mir: „Mit großer Erschütterung blickt die Welt auf München, zerstört ist das Bild vom großen Friedensfest der Völker (Olympische Spiele München). Mich hat in diesen Tagen eine andere Botschaft zutiefst erschüttert, die Botschaft von Fatima.“ So die Einleitung dieses Briefes. Es ist kaum zu glauben, aber wahr, daß diese Frau jetzt erst nach 55 Jahren etwas von Fatima erfahren hat. Und sie ist sicher nicht die einzige. Woran mag es liegen? Vielleicht sind wir selber schuld, weil wir, zu Wächtern bestellt, nicht immer wieder unsere Stimme erhoben und die Botschaft verkündet haben? In der Festgabe für den Erzbischof von Köln „Das Amt des Bischofs“ finden sich zwei Aufsätze „Das prophetische Amt des Bischofs“ und „Wächteramt oder Herrschaftsanspruch“. Aber statt Ezechiel sind wir Jonas gewesen. Dieser Jonas erhielt von Gott die Weisung, sich aufzumachen, nach Ninive, der großen Stadt, zu gehen, dortselbst zu predigen, „denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen“ (Jon 1, 2). Aber was tut dieser Prophet? Er flieht vor dem Angesicht des Herrn, er will nicht verkünden – er möchte, wie es heute allenthalben geschieht, nur das sagen, was, wie Paulus schreibt, den Ohren kitzelt (2 Tim 4, 3), was angenehm ist, was, wie neulich in einem Pfarrblatt zu lesen war, „charmant, reizvoll, gewinnend ist“.

Dieser Vorwurf, daß wir das prophetische Wächteramt vernachlässigt haben, trifft uns alle. Und weil wir wie Jonas vor diesem Auftrag geflohen sind, darum ist ein Sturm über uns gekommen, genauso wie damals jene Stürme, von denen unser heiliger Vater in seiner erregenden Predigt vom 29. Juni gesprochen hat, wo er einmal seinem Herzen Luft machte und vom Satan sprach, der durch die Ritzen in die Kirche eingedrungen sei.

Das ist der Hauptgrund, warum sich der Fatima-Freundeskreis auch heuer wieder versammelt hat, diesmal hier in Werl, vor dem Gnadenbild Mariens, die Trösterin der Betrübten. Wir sind zusammengekommen, nicht nur um von neuem die warnende Botschaft von Fatima auf uns wirken zu lassen, sondern um das zu leben, was Maria damals verlangt hat, Gebet, Buße und Weihe an ihr makelloses Herz. Wir sollten uns aber auch einmal ernstlich darüber Gedanken machen, wie die marianischen Gemeinschaften und Verbände in Deutschland stärker zusammengeschlossen und zum Einsatz gebracht werden könnten, um in der innerkirchlichen Krisis entscheidend mitsprechen zu können. Wir wollen nicht untätig im Winkel stehen und zusehen, wie die Abbruchkommandos ungestört in der Kirche am Werke sind, wir wollen in die Posaune stoßen und die Schlafenden wecken, damit wir unsere Seele retten und die unserer Mitbrüder und nicht jener Schuld verfallen, von der Ezechiel gesprochen hat.

An dieser Stelle müssen wir uns nun mit einem Einwand auseinandersetzen, der oft erhoben wird. Es handelt sich um ein theologisches Zauberwort, auf das sehr viele hereinfallen, und es heißt: Privatoffenbarung. Fatima ist eine Privatoffenbarung, und Privatoffenbarungen verpflichten nicht zum Glauben (höchstens den individuellen Empfänger). Wir halten uns an die große Offenbarung Gottes, die mit Christus und den Aposteln abgeschlossen ist, ein für alle Mal. Wozu also dieses Geschrei um Fatima? – Es ist eigenartig, daß dieser Einwand gerade von jenen kommt, die auch mit dieser großen Offenbarung Gottes nicht besonders schonend umgehen und aus dieser großen allgemeinen Offenbarung allerlei herausstreichen, sehr wichtige Glaubenswahrheiten, wie Jungfrauengeburt, Auferstehung, Wunder und selbst die Gottheit Christi. Genau die gleichen aber sind es, die sich am Wort „charismatisch“ berauschen und dieses Charismatische, wozu ja Erscheinungen besonders gehören, gegen das hierarchische in der Kirche ausspielen – und die dieses Widersprüchliche gar nicht bemerken. Nun ist es völlig richtig, daß die eigentliche Offenbarung mit Christus und den Aposteln abgeschlossen ist. Aber was dann, wenn die Privatoffenbarungen gerade die in der großen Offenbarung enthaltenen Wahrheiten bestätigen und unterstreichen? Und genau das ist in Fatima der Fall. Fatima bestätigt die Existenz von Engeln und Teufeln, denen man heute von Modernisten den Abschied gegeben hat. Fatima bestätigt das Geheimnis der Eucharistie, das heute von Modernisten entleert wird, Fatima bestätigt die Existenz der Hölle, die heute geleugnet wird, Fatima verlangt Gebet und Buße, über die man sich heute erhaben fühlt, obwohl die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes von dieser Buße spricht und Christus der Herr anläßlich des Massakers, das Pilatus an den galiläischen Fanatikern verübte, die ernsten Worte sprach: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auf gleiche Weise umkommen“ (Lk 13, 1 ff.) In Fatima ist ein Wort gefallen, das uns sehr zu denken gibt; „Betet, betet sehr viel und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil niemand sich für sie opfert und für sie betet.“

(Quelle: Rudolf Graber, Liebe lässt nicht schweigen – Predigten-Ansprachen-Vorträge, 2. Auflage 1974)

 

 

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